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Studi-Kolumne

Nur eine Minute?

Zeitempfindung im digitalen und realen Raum: Maja Lonardoni, Marleen Heine und Jasmin Eberhard schreiben in ihrem Artikel aus der Vorlesung Digital Culture an der HfG Schwäbisch Gmünd über Zeitempfinden in der digitalen Welt.
Schwarz weiße Uhrziffernblätter, leicht fließend vervormt, auf lila blauem Hintergrund
schwarz weißer Ziffernblattausschnitt einer Uhr, ein viertel am rechten Rand angeschnitten, auf blau lila Untergrund

Wenn man einer Gruppe die Aufgabe stellt, die Dauer einer Minute zu schätzen, kommen dabei sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Das Zeitempfinden ist also sehr subjektiv. Doch durch welche Faktoren wird es beeinflusst? Und gibt es Unterschiede des Zeitempfindens in der realen und in der digitalen Welt? Mit diesen Fragen haben wir uns im folgenden Text beschäftigt.

Was beeinflusst unsere Zeitempfindung?

Hierbei muss man zwischen der Prospektive und der Retrospektive unterscheiden. Im Hier und Jetzt vergeht die Zeit z.B. schnell, wenn Zeitdruck oder Dringlichkeit besteht und wenn viel Abwechslung vorhanden ist. Auch Spaß, Entspannung und Fortschritt tragen dazu bei, dass die Zeit verfliegt. Ebenso können physische Faktoren das Zeitempfinden beeinflussen. Je niedriger die Körpertemperatur ist, desto kürzer schätzen wir eine Minute ein. Das selbe passiert wenn wir Koffein, Alkohol, Kokain oder Ecstasy konsumieren. Allgemein vergeht die Zeit schneller, wenn ein oder mehrere Sinnesorgane angesprochen werden, wenn also ein volles Intervall besteht.

Im Gegensatz dazu vergeht die Zeit langsam wenn keine Aufgabe vorhanden ist und vor allem bei der Meditation. Auch wenn wenn wir uns auf die Zeit konzentrieren, bei Langweile, Angst, Routine und Trauer, schleicht die Zeit nur vor sich hin. Allgemein vergeht die Zeit langsam, wenn ein leeres Intervall besteht, also keine Sinnesorgane angesprochen sind. Drogen wie Cannabis sind auch ein Grund für langsames Zeitempfinden.

In der Retrospektive vertauschen sich die Faktoren ein bisschen. Zum Beispiel kommt uns im Nachhinein die Kindheit sehr lange vor, obwohl diese sehr abwechslungsreich und von neuen Einflüssen geprägt war. Im Alter verfliegt die Zeit, obwohl man nicht mehr so viele Aufgaben hat und viel Routine ist. Das liegt an der Proportionalität des Alters. Als Einjähriger ist ein Jahr 100% des Lebens, als 80-Jähriger ist es nur ein Achtzigstel.

Wie verändert sich unsere Zeitempfindung durch die Nutzung digitaler Medien?

Im Alltag werden Abläufe und Prozesse beschleunigt, um so wenig Zeit wie nur möglich zu verlieren. In der DB-App kaufen wir das Zugticket, ohne es in letzter Sekunde hinter einer Warteschlange an einem Automaten zu besorgen. Der Fahrplan ist direkt integriert und individualisiert, damit man sich nicht an der Station informieren muss. Wir müssen nicht einmal die BahnCard mit uns tragen. Sie ist in dem persönlichen digitalen Konto hinterlegt und mit unseren Tickets verknüpft. In jeder Situation reicht ein einfacher Griff ans Handy, beim Kauf, beim Suchen, während der Fahrt und bei einer Kontrolle. Auch Veränderungen und Entwicklungen gehen schnell voran. Vergleichen wir beispielsweise die Entwicklung vom Rad zum Auto mit der Entwicklungszeit der heutigen Technologien, so stellen wir fest, dass Fortschritte schneller geschehen.

Nutzen wir digitale Medien müssen wir beachten, dass es einen Zwiespalt zwischen der digitalen und realen Zeit gibt. Wir checken schnell noch kurz Nachrichten, schauen uns die Stories auf Instagram an und frischen das Wissen mit Google auf. Dadurch vergeht die Zeit viel schneller. In der realen Welt vergeht sie jedoch langsamer und wir leben bewusster. Das Zeitempfinden wird dabei durch die Art der Beschäftigung beeinflusst. Manchmal fühlt es sich für uns so an, als ob die Zeit schneller vergeht. Vor allem wenn wir immer wieder schnell auf das Handy schauen. Das liegt am das ständigen Eintauchen in die digitale Welt, wodurch wir keine bewussten Pausen machen. Viele von euch merken sicher den Überkonsum an digitalen Medien. Warum ändern wir das nicht einfach? Um den Anschluss in der kapitalistischen Gesellschaft zu haben müssen wir mit ziehen. Wir möchten nichts verpassen und mit reden können. Immer und überall sollten wir erreichbar sein – Raum und Zeit werden komprimiert.

Dies setzt uns manchmal unter Druck, besser gesagt “Zeitdruck”.
So schauen wir lieber direkt alles an und checken immer wieder, ob es etwas Neues gibt. Wenn wir dann schon auf der Plattform sind, könnten wir auch gleich noch Kanäle checken, usw. Im Alltag gibt es bei jeder Tätigkeit einen Anfang und ein Ende. Man hat das Gefühl nach einer bestimmten Zeit etwas erledigt zu haben. In einigen digitalen Medien gibt es jedoch kein Ende (Instagram, Netflix, ... ). Unbewusst wartet man darauf, doch das Ende wird nicht kommen.

Die Folgen der Beschleunigung sind Leistungsdruck und Burn-Out, da wir immer mehr arbeiten müssen, um mitzuhalten. Durch das Leben in einer digitalen Welt kann das Leben in der realen Welt an uns vorbeiziehen. Ein anderes Problem ist die Kommunikation. Wir haben heutzutage viel weniger Geduld auf eine Antwort zu warten und oft das Gefühl von Zeitmangel.

“This Panda is Dancing” von Max Stossel, Center for Humane Technology
Was können wir als GestalterInnen tun, um das Zeitempfinden im digitalen Raum zu beeinflussen?

Der Wert von Zeit ist uns nur bewusst, weil wir nie Zeit haben. Während wir schon morgens versuchen, das Ende unseres Instagram Feeds zu erreichen verschwenden wir keinen Gedanken daran, wie lang wir schon auf der App sind, oder wie viel uns der Moment gerade bedeutet. Erst wenn wir dann eine Stunde später aufstehen und gestresst zur Hochschule hetzen, wünschen wir uns wir hätten mehr Zeit. Als GestalterInnen haben wir die Möglichkeit, den Alltag zu entschleunigen. Wir können Menschen aus dem konstanten Alltagsstress herausnehmen und bei der Benutzung unserer Produkte einen Moment der Achtsamkeit schaffen. Durch Yoga- oder Meditationsapps zum Beispiel können wir die Menschen dazu bringen, sich zurück in die Realität zu begeben. Oftmals wollen wir, dass unsere NutzerInnen möglichst viel Zeit auf unserer Website, App etc. verbringen. Damit sollten wir aber verantwortungsvoll umgehen und die Benutzung so gestalten, dass sie am gesündesten ist. Selbst Instagram versucht sich das zu Herzen zu nehmen, indem sie die Likes unter Bildern abschaffen. Für viele BenutzerInnen war der ständige Vergleich ein negativer Aspekt der App, der unter anderem zu einem verminderten Selbstwertgefühl führen kann. Das Verstecken der Likes nimmt manchen zwar vielleicht auch den Ehrgeiz und den Ansporn mehr zu posten, für die meisten ist es allerdings eine Besserung, die die Nutzung gesünder macht.

Wenn wir wollen, dass unsere Produkte lange benutzt werden, ist es wichtig, dass sich die Nutzung nicht lang anfühlt. Dafür können wir zum Beispiel viele „erste Male“ erzeugen, die die Zeit verfliegen lassen.

Wenn wir das Gegensätzliche bewirken wollen, also dass Menschen unbewusst weniger Zeit im digitalen Raum verbringen, sollten wir uns auch bei unseren Konzepten wieder zurück in die analoge Welt begeben. Öfter einfach mal fragen, ob eine App die sinnvollste Lösung für ein gegebenes Problem ist, oder ob sich nicht auch ein analoges Medium anbietet. Statt einer App, die versucht, unsere Handynutzung einzuschränken, könnten wir ein System gestalten, das die unnötige Nutzung des Handys verringert. Außerdem sollte unser Ziel immer sein, dass unsere NutzerInnen die benötigten Inhalte schnell erfassen können und so relativ wenig unnötige Zeit mit unseren Produkten verbringen müssen. Nachdem wir gelernt haben, welche Faktoren die Zeitempfindung beeinflussen, können wir diese benutzen, um unsere NutzerInnen in die gewollte Richtung zu lenken. So können wir zum Beispiel bei Produktivitätsanwendungen oder Lernapps verschiedenste Faktoren der Beschleunigung anwenden, um das Gefühl des Flows hervorzurufen. Dabei sollen die User das Gefühl haben, dass die lästigen Aufgaben schnell erledigt werden. Wollen wir wiederum, dass Menschen weniger Zeit auf Social Media verbringen, können wir Entschleunigungstechniken anwenden um sie aus dem unterbewussten Sog zu ziehen. In Fitness/Yoga Apps wird das Prinzip der Entschleunigung schon angewendet. Die Nutzer*innen sollen selbst bei kurzen Workouts das Gefühl haben, sich ausreichend körperlich betätigt zu haben oder sich entspannt und den Alltag entschleunigt zu haben.

Wichtig ist vor allem, dass wir uns als Gestalter, aber auch als Menschen mit der Bedeutung unserer Zeit beschäftigen. Wir haben nur beschränkte Zeit, weshalb wir damit verantwortungsvoll umgehen sollten. Nur so können wir sie auch beeinflussen. Ein Anfang wäre, sich einfach mal sein eigenes Verhalten genauer anzuschauen.

Die Digitalisierung hat sehr viele positive Aspekte mit sich gebracht. Wir sind vernetzt und haben mehr Möglichkeiten. Dabei müssen wir aber auch beachten, wie es unser Leben beeinflusst. Aus diesem Grund sollten wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, damit wir die digitalen Medien bewusster nutzen. Leistungsdruck, “always-on”-Mentalität und „Zeitverschwendung“ sind zwar einige negative Aspekte, die wir aber durch Aufklärung über die digitale Beschleunigung und bewusste Gestaltung auch in den Griff bekommen können.

Text und Bilder: Maja Lonardoni, Marleen Heine und Jasmin Eberhard

Ich bin Maja Lonardoni

Portrait einer Studentin mit glatten blonden Haaren und skeptischem Blick vor grauem Hintergrund

Name: Maja Lonardoni

Alter: 24

Wohnort: Wißgoldingen

Beruf: Studentin

Hauptcharakterzug: Naschkatze

Lieblingsschrift: ändert sich immer

Lieblingsfarbe: blau

Ich bin Marleen Heine

Portrait einer Studentin mit schulterlangen blonden Haaren und Ponny vor grauem Hintergrund

Name: Marleen Heine

Alter: 24

Wohnort: Schwäbisch Gmünd

Beruf: Studentin

Hauptcharakterzug: aufmerksam

Lieblingsschrift: Big Caslon

Lieblingsfarbe: dunkelgrau

Ich bin Jasmin Eberhard

Portrait einer lachenden Studenten mit mittellangen, rötlichen Haaren vor schwarzem Hintergrund

Name: Jasmin Eberhard

Alter: 22

Wohnort: Schwäbisch Gmünd

Beruf: Studentin

Hauptcharakterzug: loyal

Lieblingsschrift: -

Lieblingsfarbe: blau; grün

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