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Studi-Kolumne

Noch 'ne Schrift?

Brauchen wir heute wirklich noch neue Schriften?
Eine Gruppe Afroamerikanischer Demonstranten mit typografischen Plakaten
Das Wort "Martin" in weißen Großbuchstaben auf braunem Hintergrund

Unsere Welt ist voll mit Schrift. Wie viele Schriften es genau gibt? Das kann keiner sagen. Genug! Sagen die einen. Warum wir uns trotzdem immer wieder typografisch neu erfinden und was Schrift mit unserer Kultur zu tun hat, darüber haben wir unter anderem mit Erik Spiekermann gesprochen.

„Irgendwas stimmt grad nicht, bekomme keine Luft". Das war eine der Reaktionen auf den Tweet meiner besten Freundin, die meinte dem Internet über meinen Schriftkauf berichten zu müssen: "Mein bester Freund hat sich ne Schriftart für 400€ gekauft, komplett lost."

Ja es stimmt. Vor einigen Wochen habe ich es nach reiflicher Überlegung getan: Ich habe mir meine erste Schrift gekauft. Und ja, dafür war ich bereit an die 400€ zu zahlen. Wieso das? Weil sie mir das wert war! Aber offensichtlich ist nicht jeder meiner Auffassung, was den Wert von Schriften angeht.

„Ich will ihn nicht verletzen, aber die sieht irgendwie nicht nach 400€ aus. Also ich mag die Schrift, ja, aber dieser Hintergedanke stört mich..sehr.."

„Sieht aus wie jede andere Word-Schrift...warum nicht einfach die nutzen?"

Diese Digitale-Begegnung auf Twitter war ein Clash zweier Wertevorstellungen: Für die einen ist Schrift unsichtbar. Sie wird als gegeben angenommen und war scheinbar schon immer einfach da – wie Luft und Wasser. Dass Schriften von Menschen gestaltet werden und nicht einfach auf magische Weise in Word auftauchen, scheint einem Großteil nicht bewusst zu sein. Auf der anderen Seite bin ich als begeisterter Typografie-Nerd, der weiß, wie viele Stunden Handarbeit in den Details einer Schrift stecken, bereit diese handwerkliche Arbeit entsprechend zu entlohnen. Natürlich sind 400€ viel Geld – besonders für einen Studenten. Aber, wenn andere sich T-Shirts oder Schuhe für ähnlich hohe Summen kaufen, bleibt der Aufschrei aus. Aber warum? Was macht den Gedanken für Schrift Geld zu bezahlen so absurd, dass Twitter-User herzinfarkt-ähnliche Symptome zeigen?

Der Kontrast beider Welten wird noch extremer, wenn man sich die lebendige Welt der SchriftgestalterInnen anschaut, die tagtäglich neue Schriften schaffen und in die Welt setzten. Auf der einen Seite werden also ständig neue Schriften gestaltet, die für die andere Seite größtenteils unsichtbar bleiben. Auch ich muss gestehen, dass die Anzahl sehr ähnlicher Schriften, die sich nur noch marginal voneinander unterscheiden immer größer wird. Ich habe mir also die Frage gestellt, ob wir noch neue Schriften brauchen oder ob die bestehende, unzählbare Auswahl nicht schon jeglichen Anwendungsfall abdeckt?

Brauchen wir noch neue Schriften?

Wenn jemand etwas braucht, dann besteht eine Nachfrage – also eine Lücke, die durch Angebot gefüllt werden soll. Wenn man also herausfinden möchte, ob wir noch neue Schriften brauchen, gilt es an erster Stelle den Bedarf an Schrift beziehungsweise die Nachfrage zu untersuchen.

Fragt man unsere Twitter-UserInnen scheint die Nachfrage bei einem Großteil der Menschen durch Word und co. gedeckt zu sein. Die EndverbraucherInnen sind also nicht für die Nachfrage verantwortlich.
Naja – zumindest nicht direkt. Denn Schrift wird in den allermeisten Fällen von denjenigen Erworben, die verstehen, wozu sie einzusetzen ist: GestalterInnen aller Art! Ein Großteil davon sind Kommunikations- und InformationsgestalterInnen, deren Kernkompetenz das Vermitteln von Informationen und Inhalten auf grafischem Wege ist. Jedes Buch, jedes Plakat, jedes mit Schrift bedruckte T-Shirt, jede Webseite, jede App und alles nur erdenklich typografisch Gestaltete, dass von "EndverbraucherInnen" erworben und genutzt wird, trägt zur Nachfrage von Schrift bei. Es ist also eine unterbewusste Nachfrage, angeregt durch ein unterbewusst wahrgenommenes Konsuminstrument.
Welche Rolle genau nimmt Schrift ein, wenn es darum geht, wie Informationen, Produkte und Marken wahrgenommen werden?

Funktion von Schrift

Dafür lohnt es sich die Funktion von Schrift genauer zu betrachten. Die erste spontane Assoziation ist so banal, wie richtig: Lesbarkeit. Schrift sollte in jedem Fall lesbar sein, um freie Sicht auf die Informationen des textuellen Inhalts zu geben. Wäre dies das einzige Kriterium wäre Helvetica wahrscheinlich das "End of History" der Typografie gewesen und die Fragestellung dieses Textes hätte sich erübrigt.

Nach Erik Spiekermann – einem der bekanntesten Kommunikations- und InformationsgestalterInnen – der eine Vielzahl von Schriften für Marken wie Bosch, Cisco, die Deutsche Bahn, die Deutsche Post und das ZDF gestaltet hat, geht es um Bescheidenheit: Jede Schrift, die für Mengentexte geeignet sein soll, muss zu 95% aussehen, wie alle anderen. „Nur die restlichen 5% Gestaltungsspielraum bleiben für das eigene Bild, das sich dann eher im Gesamtklang als an auffälligen Details äußert." Die dafür benötigte Bescheidenheit beim Entwurf beschreibt Spiekermann als die große Herausforderung bei der Schriftgestaltung. Auch Kurt Weidemann – ein ebenfalls weltbekannter Grafikdesigner, Schriftgestalter und Typograf – der Ende der 80er Jahre die Hausschrift für Mercedes-Benz gestaltet hat, betont die Wichtigkeit der Zurückhaltung: „Typografie ist eine Dienstleistung. Die Kunst dabei ist vor allem die Kunst, von sich selbst weitgehend absehen zu können, sich nicht zwischen Autor und Leser zu drängen."

Für das Schaffen eines distinktiven Charakters, bleibt also nur ein marginaler Raum, der von SchriftgestalterInnen bearbeitet werden kann. Wer das Handwerk beherrscht, kann diesen Raum nutzen, um sich klar zu anderen abzugrenzen und sogar ganze Markenbilder zu prägen. Diese Abgrenzung wird zwar von uns allen wahrgenommen, doch können nur wenige die gefühlte Markenzugehörigkeit eines Produktes auf die eingesetzte Schrift zurückführen. Der Grund: Typografie findet in den Details statt, und diese werden nur allzu gern übersehen. Vor diesem Hintergrund ist es auch nachvollziehbar, warum Schriften – insbesondere außerhalb von Markenkontexten – oft nur schwer voneinander unterschieden werden können und daher für viele unsichtbar bleiben.

Auch wenn Schrift nicht gesehen wird, wird sie dennoch wahrgenommen. Dabei sind es die 5% Gestaltungsspielraum, die bei den BetrachterInnen unterbewusst unterschiedliche Assoziationen hervorrufen und über die Wirkung einer Schrift entscheiden. Diese Wirkung kann auch als sichtbare Sprache bezeichnet werden. Dabei ist es die Botschaft, die sichtbar wird, während das Medium Schrift verborgen bleibt.

Schrift als Medium

Ein Medium vermittelt Botschaften, die Informationen in sich tragen. Schrift kann also als die DNA unserer Informationskultur verstanden werden. So Marc Engenhart – multimedialer Gestalter und Dozent für Typografie an der HfG Schwäbisch Gmünd. „Die Schrift und damit auch unsere Typografie ist kulturhistorisch neben den frühen Bildzeichen und akustischen Informationen die älteste, verbreitetste und funktionalste grafische Informationsarchitektur der Menschheitsgeschichte."

Um die Funktion von Schrift als Medium genauer zu verstehen, hilft es sich Schrift als ein Fenster vorzustellen. Dieses Fenster besteht zum größten Teil aus einer transparenten Glasscheibe und gibt freie Sicht auf die Botschaft – also die Sprache – die Schrift als Medium übermitteln soll. Umrandet ist dieses Fenster von einem Rahmen. Dieser Rahmen sieht je nach Schrift unterschiedlich aus und wird von Betrachtenden nur unscharf im peripheren Sichtfeld als Meta-Botschaft wahrgenommen. Der Rahmen sollte also nicht von der eigentlichen Botschaft ablenken, sondern sie lediglich mit einer Wirkung versehen, die bei Betrachtenden durch das Auslösen verschiedenster Assoziationen entsteht.

Das bedeutet Schrift färbt als Medium auf seine Botschaften ab und beeinflusst damit, wie diese wahrgenommen werden.
Nun stellt sich die Frage, wie diese Assoziationen bei den Betrachtenden entstehen? Wie bekommt Schrift also ihre Wirkung?

Die Semantik einer Schrift entsteht im Gebrauch. Schrift wird nie isoliert als eine reine Schrift eingesetzt, sondern ist immer Teil eines größeren gestalterischen Kontextes. Jedes Mal, wenn eine Schrift in einem solchen Kontext verwendet wird, trägt dieser und die gesendeten Botschaften dazu bei, was die Betrachtenden mit dieser Schrift in Zukunft assoziieren. Das wohl bekannteste Beispiel stammt aus der NS-Zeit. Die NationalsozialistInnen haben Frakturschriften eingesetzt, um ihre Rassenideologie und Propaganda in die Welt zu tragen. Wer sich heute eine Frakturschrift ansieht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine eher negative Assoziation – zumindest wenn man aus einem europäischen Kulturkreis kommt. Denn wer eine Frakturschrift zum ersten mal sieht, ohne die Bilder aus der NS-Zeit im Kopf zu haben, der wird ganz andere Assoziationen haben.

Schrift wird also von den Botschaften geprägt, denen sie als Medium dient und gleichermaßen färbt sie semantisch auf die übermittelten Inhalte ab.
Zusammengefasst lässt sich also festhalten, dass Schrift aus der Kultur heraus entsteht und sie gleichzeitig prägt. Anders gesagt: Schrift ist Kultur.

Schrift und Kultur

Kultur ist alles, was wir Menschen aus uns und den vorgegeben Verhältnissen machen. Eine menschliche Welt ohne Kultur ist nicht möglich. Kultur lebt vom ständigen Wandel und drückt sich unter anderem in Trends und Moden aus. Moden wiederum fundieren auf zwei Prinzipien: Der Bruch mit dem Bisherigen und das Zitieren von Vergangenem. Meistens passiert beides gleichzeitig. (Siehe Schlaghosen, die wieder am Kommen sind.)

Auch Schrift unterliegt als Teil der Kultur diesem steten Wandel des Zeitgeistes. So sind die serifenlosen Schriftentwürfe von László Moholy-Nagy am Bauhaus der 1920er Jahre ein krasser Gegenentwurf zu den Frakturschriften und den zum Teil ornamental verzierten Antiquas.

Und auch heute findet eine solche Abgrenzung in der Typografie statt. Die Bewegung des ‘Independent Type Designs’ setzt vermehrt auf expressive Schriften mit einer starken Persönlichkeit. Der Fokus liegt auf den Gefühlen, die bei Betrachtenden entstehen. Das geschriebene Wort ist eher zweitrangig. Um in der Fenster-Metapher zu bleiben: Hier rückt der Rahmen teilweise so dominant in den Vordergrund, dass von der eigentlichen Glasscheibe – also der Sprache – nicht mehr viel zu sehen ist.
Diese Gegenbewegung zu den ‘monolithischen Corporate-Font-Giganten’ bricht bewusst mit gewohnten typografischen Regeln.

Solche neuen Strömungen werden ermöglicht und befeuert durch die sich stetig entwickelnden Medien und technischen Möglichkeiten. Durch Technologien, wie Variable Fonts, OpenType und Machine Learning eröffnen sich völlig neue Ideenräume, die darauf warten typografisch exploriert zu werden.

So kommuniziert beispielsweise die ‘Climate Crisis Font’ mithilfe von OpenType und Variablen Technologien eindrücklich den Effekt des Klimawandels auf das schmelzende arktische Eis.

Machine Learning gestützte Systeme, wie GlypGAN, können auf Basis von typografischen Trainingsdaten eigenständig unzählige Varianten von neuen Schriften generieren.

Neben den Technologien sind es vor allem Bewegungen des gesellschaftlichen Wandels, die Ausdruck in der Schrift finden.

Die Schriftgestaltung von morgen ist diverser. So hebt Tré Seals – ein afro amerikanischer Schriftgestalter – in jeder seiner Schriften ein Stück Geschichte einer bestimmten unterrepräsentierten Rasse, Ethnie oder eines Geschlechts hervor – von der Frauenrechtsbewegung in Argentinien bis zur Bürgerrechtsbewegung in Amerika.
"When an industry is dominated by a single race and gender, this not only creates a lack of diversity in peoples and experiences but ideas and creations as well. That’s why Vocal Type is working to diversify design through the root of all (good) works of graphic design – typography."
Seine Schriften sind inspiriert von den handschriftlichen Plakaten und Transparenten, die zu jener Zeit die Botschaften mit Forderungen nach Gleichberechtigung getragen haben.

Johanna Manz und Susanne Büchele haben im Rahmen ihrer Bachelorarbeit zum Thema gendergerechte Sprache eine Schrift mit Ligaturen konzipiert, die den männlichen Wortstamm mit der weiblichen Endung über eine Brücke vereint. Diese Brücke steht für alle Personen außerhalb oder zwischen dem binären Geschlechtersystems.

Diese Beispiele stellen nur einen kleinen Ausschnitt von dem dar, was sich in der Welt der Typografie tagtäglich tut und zeigen, wie Schrift gestalterische Antworten auf gesellschaftliche Diskurse und Fragestellungen geben kann.

Die Frage zu stellen, ob wir noch neue Schriften brauchen ist also eine Falsche. Denn Schrift ist Ausdruck von Kultur, genau wie Schrift Kultur prägt. Die Kultur ist also Angebot und Nachfrage zugleich. Wie jede Form der Gestaltung strebt auch die Schriftgestaltung danach dem Neuen, noch nicht Existenten, Form zu geben. Dieser Schaffensprozess möchte jenen Raum füllen, der sich ständig durch Moden, gesellschaftliche Bewegungen, Medien und Technologien neu auftut. Solange sich also unsere Kultur entwickelt, entwickelt sich auf die Schrift.

Ich bin Julian Pohl

Portrait eines jungen Mannes mit Brille und kurzen dunkelblonden Haaren

Name: Julian Pohl

Alter: 21

Wohnort: Schwäbisch Gmünd

Beruf: Student

Hauptcharakterzug: Detailverliebt

Lieblingsschrift: FF Real

Lieblingsfarbe: Blau

Ich bin Lena Kächele

Portrait einer lachenden Studentin mit dunkelbraunen Haaren im Zopf und Brille vor weißem Hintergrund

Name: Lena Kächele

Alter: 23

Wohnort: Schwäbisch Gmünd

Beruf: Studentin

Hauptcharakterzug: Unkonventionell

Lieblingsschrift: Din Pro

Lieblingsfarbe: Mint