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Studi-Kolumne

Keine Angst vor Feedback

Ein Rückblick auf die Portfolioreview
Schreiender Junge welchem Büromaterialien und Körperteile aus dem Mund fliegen
weiße Wireframes auf schwarzem Grund mit pinker Korrekturschrift

Der Umgang mit Kritik ist nicht einfach, aber lernbar. Ein Einblick, wie ich die Portfolioreview für mich einordne.

Portfolios sind für uns GestalterInnen die erweiterte Visitenkarten mit denen wir uns und unsere Arbeit vorstellen. Sie sollen Interesse wecken und sind unter anderem unsere Eintrittskarte in die Arbeitswelt.
In den meisten Vorstellungsgesprächen bekommen wir als BewerberInnen zu Beginn die Möglichkeit uns vorzustellen. Diese Selbstpräsentation können wir gut im Vorfeld üben, um so mit Selbstsicherheit ins Gespräch zu starten. Gleichzeitig kann diese Selbstpräsentation aber auch unsere möglichen ArbeitgeberInnen noch einmal “abholen”.
Portfolio und Selbstpräsentation sind also miteinander verwandt, haben aber auf jeden Fall unterschiedliche Ziele und sehen wahrscheinlich auch anders aus.

Im Rahmen der Veranstaltung „Selbstpräsentation“ mit Malte Bachinger* habe ich vorletzte Woche eine Selbstpräsentation gegeben - also den Anfang eines Vorstellungsgesprächs durchgespielt und genau dafür mein Portfolio genutzt. Selbstpräsentation mit dem Portfolio? Verwirrendes Setting? Tatsächlich, aber dazu gleich mehr.

Malte Bachinger ist seit vielen Jahren Chef einer Designagentur im süddeutschen Raum. Das Portfolio reicht von der Entwicklung eigener Produkte im Bereich Personal Mobility bis hin zu Me-Too-Produkten. Mich hat seine Meinung interessiert, weil es die seltene Möglichkeit ist im Schutzraum Hochschule eine professionelle Einschätzung zu erhalten. Deshalb habe ich auch bewusst darum gebeten, mein Portfolio wenn nötig zu “zerlegen”, auch wenn ich innerlich natürlich gehofft habe, Lob dafür zu bekommen.

The medium is the massage - Marshall McLuhan

Mein Medium war ein DIN A4-Hochformat Portfolio. Das hat viele Nachteile in Zeiten von 21:9-Ultrawide-Screens und Agenturchefs, die sich das Portfolio zwischen zwei U-Bahnstationen auf dem Smartphone zu Gemüte führen und überfliegen. Es wäre ganz sicher nicht mein Medium der Wahl für eine Präsentation im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs.

Keep it simple, stupid

- Malte Bachinger

Grundsätzlich denkt Malte Bachinger, und auch ich, dass ein PDF-Portfolio deutlich einfacher zu handhaben ist als eine Website. Selbst Querverweise innerhalb eines PDF-Portfolios erachtet er als schwierig, weil das Risiko besteht, die Orientierung zu verlieren. Das ist aber die Meinung eines Geschäftsführers einer Produktdesignagentur, der über 20 Jahre im Geschäft ist. Gerade außerhalb der Produktgestaltung ist eine eigene Website aber auch ein Nachweis der Fähigkeit programmieren zu können. Eine Website kann aber genauso als eigenes Privatprojekt im Portfolio erscheinen oder als Teil eines Hochschulprojekts.

Verwirrendes Setting

Das Setting der Veranstaltung war äußerst seltsam. Ich war davon ausgegangen, mein Portfolio vorzustellen, zu erzählen warum ich mich für gewisse Darstellungsformen entschieden habe und wie es aufgebaut ist. Genau dazu habe ich mir Feedback erhofft.

Das Thema der Veranstaltung war aber „Selbstpräsentation“ und Malte Bachinger hat mit mir den Beginn eines Vorstellungsgespräches durchgespielt, bei der ich die Möglichkeit hatte mich selbst vorzustellen.

Auf diese Situation war ich nicht ausreichend vorbereitet. Mein Fehler. Ich habe zwar auf das für mich verwirrende Setting hingewiesen, mir damit aber bereits das erste Eigentor geschossen. Mit einer Entschuldigung und Erklärungsversuchen ins Vorstellungsgespräch zu starten ist mindestens unglücklich, aber auf jeden Fall ungeschickt. Dementsprechend unsicher war mein Einstieg in die Selbstpräsentation/Portfoliovorstellung.

Wegen der großen Zahl an Teilnehmenden in dem Zoom Meeting, hatte ich einige Stellen im Lebenslauf geschwärzt und bin flapsig darüber hinweggegangen: „Ich bin irgendwann geboren und ich hab auch eine Telefonnummer“. Malte Bachinger hat dies als zu sarkastisch kritisiert, da er mir gegenüber positiv gestimmt war, sich jedoch von mir verschaukelt gefühlt habe, als ich diesen Einstieg wählte. Seine Kritik an diesem Punkt war sehr emotional und ausführlich. Ich möchte ihm zugute halten, dass wir junge Studierende und unsere Entwicklung ihm wirklich am Herzen liegen. Seine Kritik entstammt also vielleicht aus dem Unmut über eine verschenkte Möglichkeit meinerseits. Ob sie in dieser Form und Ausführlichkeit angebracht war, überlasse ich den Lesenden, aber lieber sammle ich solche Kritik auf diese Weise, als erst im tatsächlichen Vorstellungsgespräch.

Ein langes Portfolio

Ich habe an dem Abend acht von neun Projekten des Portfolios vorgestellt. Erneut stelle ich mir die Frage: War es eine Portfolio-Review oder eine Selbstpräsentation? Ich habe wohl eine schlechte Kombination aus beidem abgeliefert. In einer Selbstpräsentation hätte ich nur eine Auswahl von drei bis vier Projekte vorgestellt: einmal PG, einmal Maschinenbau, einmal privat. Eigentlich gehe ich davon aus, dass das Portfolio im Vorfeld eines Vorstellungsgesprächs gelesen und angeschaut wurde. Als ich Projekte überspringen wollte, meinte Herr Bachinger, dass ich das nicht machen solle. Ich habe mich von ihm dazu verleiten lassen nicht mehr zu selektieren, sondern zu bombardieren. Mein Fehler. Dass das am Ende zu viele Projekte waren, die sich keiner merken konnte, ist verständlich. Die darauf folgende Kritik nehme ich wahr, mir aber nicht zu Herzen. Sie ist zum Großteil auch der Situation geschuldet. An dieser Stelle vielen Dank an alle, die mir geschrieben haben, welche Projekte hängen geblieben sind.

Key Insights

Was waren die Key Insights, die ich aus der Review mitnehme? Ich muss mich auf ein solches Gespräch besser vorbereiten. Primär die Folien, denn pitchen kann ich, aber der Pitch muss auch zu den Folien passen.
Im Portfolio sollte ich wirklich nur das zeigen, was ich wirklich gut kann und nicht wovon ich glaube, dass es eine EmpfängerIn gerne sehen möchte. Sonst bin ich zu unauthentisch und unehrlich und falle über kurz oder lang auf die Nase. Im Bezug auf meine Skizzenqualitäten verbaue ich mir von vornherein eine Chance, wenn ich eine in den Augen von BetrachterInnen schlechte Qualität zeige. Dann lieber auf eine „white lie“ zurückgreifen, und es gar nicht zeigen. Aber diese Einschätzung von guter und schlechter Qualität habe ich nur im Rahmen dieser Veranstaltung bekommen können. Genau deshalb habe ich mir das Feedback eines Agenturchefs abholen wollen.

WHY, HOW, WHAT ist eine gute Strategie eigene Projekte vorzustellen. Diese werde ich mir zu Herzen nehmen und in meinen kommenden Selbstpräsentationen und der nächsten Überarbeitung des Portfolio anwenden. Da wo es passt. Manchmal ist ein „persönliches Vergnügen“ auch schon ein WHY.

Ich kann selbst entscheiden, welche Kritik ich annehme und welche nicht.

- Fabian Acker

Ich habe zu Beginn des Reviews gesagt, dass mein Portfolio gerne „zerlegt“ werden darf, woraufhin ich teilweise harsch kritisiert worden bin. Ich habe aber nicht alle Kritik als simple Ablehnung meiner Projekte oder meiner Fähigkeiten wahrgenommen. An einigen Stellen hat mir die Kritik gezeigt, dass Malte Bachinger meine Darstellungen nicht so interpretiert, wie ich sie verstanden wissen möchte. Das heißt für mich, dass ich auch an meiner Darstellung arbeiten muss.
Eine Kritik ist immer auch Ausdruck einer Meinung und ich kann für mich entscheiden, ob ich mich der Meinung meiner KritikerInnen anschließe. Ich kann also für mich entscheiden, ob ich die Kritik dieser zwar erfahrenen, aber mir fremden Person annehme. Und weil ich diese Entscheidung für mich getroffen habe, bin ich trotz allem guten Mutes aus dieser Review rausgegangen. Und ich gebe zu, dass ich mich mit diesem Portfolio bereits bei mehreren Agenturen beworben hatte und zu Gesprächen eingeladen wurde. Ich wusste also, dass es so schlecht nicht gewesen sein konnte.

Was hat Ihnen gefallen?

- Fabian Acker

Bei aller Kritik, habe ich aber auch positive Rückmeldung bekommen: ich habe die Projekte gut präsentieren können. Durch meine Erläuterungen waren die Projekte verständlich und haben auch Anlass zur Diskussion und zum Austausch gegeben. Die Bandbreite meiner ausgewählten Projekte von Maschinenbau bis partizipatorische Gestaltung war groß und ist für ihn als Arbeitgeber interessant. Er hat aber auch klar gesagt, dass er eine solche Bandbreite von Studierenden im vierten Semester gar nicht erwartet, wenn sie sich bei ihm bewerben.

Go for it!

Habt keine Angst euer Portfolio in einem solchen Rahmen zu zeigen, ihr könnt nur daraus lernen, aber hört ganz genau hin. WER sagt WAS und aus WELCHER POSITION? Es ist nicht leicht, wenn ein eigenes Werk wie euer Portfolio oder ein Projekt so auseinandergenommen wird. Aber ihr könnt lernen die Kritik zu verstehen. Und manchmal - aber leider zu selten und zu leise oder undeutlich - gibt es auch Lob. Kritik bleibt häufig viel stärker im Gedächtnis, Stichwort „negativity bias“, aber in einer Feedback-Situation könnt ihr auch ganz konkret fragen: Was hat Ihnen gefallen? Wo sehen Sie meine Stärken?“.

Sender-Empfänger-Prinzip aus der Kommunikationstheorie

Feedback soll euch zeigen, wo ihr etwas verbessern könnt, aber auch aufzeigen, was ihr gut macht. Ihr seid nicht mehr in der Schule, wo ihr Aufgaben von euren Lehrkräften bekommt. Ihr seid an einer Hochschule und Lehrende sind eure PartnerInnen im Lernprozess. Fordert sie, holt euch Verbesserungsvorschläge, aber natürlich auch eure verdiente Portion Bestätigung und Selbstvertrauen ab und fordert sie ein, wenn ihr sie nicht bekommt. Eure Projekte, euer Portfolio und vor allem IHR seid interessant!

Funktionen von Feedback

Ich werde mit Sicherheit einige der Verbesserungsvorschläge für meine nächste Bewerbung umsetzen und zum Beispiel wieder ein Querformat-Dokument anlegen und die Anzahl meiner Projekte im Portfolio reduzieren. Kompetenzen, die ich in einem wegfallenden Projekt darstelle, kann ich auch in einem verbleibenden Projekt präsentieren.
Jetzt freue ich mich aber erstmal über und auf die anstehenden Vorstellungsgespräche und alles was danach kommt. Wenn heute Abend wieder Portfolios begutachtet werden, könnt ihr ja auch mal versuchen ganz genau hinzuhören, aus welcher Position heraus Malte Bachinger kritisiert. Viel wichtiger aber: Wie könnt ihr die Kritik für euch selbst umsetzen?

*Name vom Autor geändert

Ich bin Fabian Acker

Portraitbild von jungem Mann mit langen Haaren und Brille vor weißem Grund

Name: Fabian Acker

Alter: 28

Wohnort: Schwäbisch Gmünd

Beruf: Student

Hauptcharakterzug: Hilfsbereit

Lieblingsschrift: Neue Haas Grotesk

Lieblingsfarbe: Mint