Unser Rektor Ralf

Nach 8 Jahren mit Ralf als unseren Rektor stellten wir uns die Frage, wer war eigentlich Ralf so. Warum dann nicht einen Artikel über ihn veröffentlichen?
Aussenansicht von Gutenberg Museum
Ralf´s Kopf 360° GIF by Lisa Wild

Ein Freitagmorgen wie jeder andere, einen Kaffee schwarz, weiter nichts. Anschließend geht Ralf in das Rektorat. Er räumt Aktenschränke aus, um für seine zukünftige Nachfolgerin alle Wege zu ebnen. Schließlich räumt er in weniger als sechs Wochen dasselbe Büro, um nach nun über 7 Jahren das Rektorat zu verlassen. Zwischendurch isst er für gewöhnlich ein paar Nüsse. Da starten wir auch mit einem weiteren Kaffee in unser Interview.

Wie hat Ralfs Leben ihn eigentlich an die HfG geführt?

Im Jahr 1982 gab es für ihn die Möglichkeit, im Vorkurs an der HfG seine Fachhochschulreife nachzuholen. Wie so viele kam er nach einer Ausbildung zum Schauwerbegestalter über den dritten Bildungsweg an die HfG, wo er sein Studium der Visuellen Kommunikation letztlich 1984 begann. Die damalige HfG war noch kleiner als sie es heute ist. Es gab drei Studiengänge mit gesamt weit unter 300 Studierenden, jedes Semester hatte seinen eigenen Raum und es gab nur das Hauptgebäude. Heutzutage ist das Leben mehr durchgetaktet. Gerade das dritte Semester ist eine
Ansage, weil man viel Input und Output hat.

“Nichts-Tun ist zum Tun sehr wichtig!
Unser Gehirn braucht Zeit, um die vielen Eindrücke, nicht nur des Studiums, zu verarbeiten und wiederverwertbar abzulegen. Das geht am Besten, wenn wir unsere Gedanken einfach ohne Ziel fließen lassen."

Wie hat Ralf seine Studienzeit damals denn verbracht?

Feucht und schlecht riechende Keller, Musik gemacht mit Bands und Feiern gehen. Das was wir ja heute auch noch machen, nur das damals mehr möglich war. Heute nehmen wir vieles ernster und machen uns mehr Gedanken um Brand- und Lärmschutz als damals.
Über viele Sachen sprach man eben einfach nicht, das hat vieles vereinfacht.
Zehn Semester hat Ralf studiert und dann in seinem letzten Semester, da stand auch schon der erste Computer im Sekretariat, an dem Studierende stundenweise erste Versuche mit einer Layout-Software machen konnten – schwarzweiß und ohne Drucker.
Dadurch, dass Computer nicht so verwendet wurden, empfand er vieles langsamer und intensiver als heute.

“Manchmal hatte man acht Stunden lang dasselbe Thema im Kurs – ein ganz anderes Verinnerlichen und Vertiefen in Themen.”

Was macht für Ralf die Lehre des Gestaltens aus?

Damals hatte man einige Seminare die man interdisziplinär mit anderen Studiengängen zusammen hatte. Im vierten Semester gab es ein gemeinsames Projekt mit allen Studiengängen. Für Ralf besteht das Studium aus drei Bestandteilen: der Kultur des Gestaltens, den Werkzeugen der Gestaltung und den gestalterischen Methoden. Unter der Kultur des Gestaltens versteht Ralf Inhalte wie Designgeschichte, Psychologie, Soziologie, Ingenieurswissenschaften, Informatik oder Semiotik, also Wissenschaften, die Bezug zur Gestaltung herstellen. Was heutzutage Werkzeuge sind, waren damals noch teils eigenständige Berufe. Heutzutage benutzt man Figma, Illustrator und Co., damit hat man Werkzeuge, welche damalige Berufe vollständig überflüssig gemacht haben, direkt parat. Durch die zum Teil hochkomplexen Software-Werkzeuge schleicht sich manchmal das Gefühl ein, dass man alles ein bisschen kann, aber nichts richtig. Das gilt für die Bildbearbeitung, für CAD, für Animation oder die Programmiersprachen der Gestaltung ebenso, wie für Interviewmethoden, Projektmanagement, Kostenkalkulation oder Präsentationen. Das Gestalten an sich geht viel um die Frage, welche Frage man eigentlich seiner Benutzergruppe stellen möchte. Man sollte einen offenen Blick und Neugierde für den Menschen als Teil der Gesellschaft und der Umwelt entwickeln. Zusammenhänge herstellen, Produkte, Informationen, Systeme hinterfragen und erkennen, dass man mit der Disziplin des Gestaltens problemlösend wirksam werden kann. Gestaltung mischt sich immer irgendwo ein und ist somit oft politisch, strategisch oder dient der Orientierung für eine künftig klimaverträglich wirtschaftenden Gesellschaft.

"Einen anständigen Flattersatz hat man bestellt, es gab Schriftsetzer als Beruf."

Was hat Ralf vor seiner Zeit an der HfG gemacht?

Es war ein weiter Weg. Seit 1989 als selbständiger Gestalter fand er das aufkommende Internet total spannend. 1996 gründete er zusammen mit Michael Dengler, heute Setu GmbH, die Firma Streamdesign zur Entwicklung und Gestaltung von Kommunikationssystemen auf Basis von Internettechnologien. Nach einem Interessenwandel von Investoren, weg von Internet- hin zu Biotechnologien, musste er, wie viele andere in der Dot-Com-Krise, beim Stand von über 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 2001 Insolvenz anmelden. Während dieser Zeit war er allerdings auch schon als Lehrbeauftragter im Bereich Internetgestaltung, unter anderem an der HfG, tätig. Im Jahre 2003 erhielt er eine Professur für Gestalterische Grundlagen im Medien-Design an der Hochschule Mainz. 2007 folgte Ralf dann dem Ruf an die HfG als Professor für Grundlagen der zweidimensionalen Gestaltung, wo er von 2008 bis 2015 auch Leiter des Studiengangs Kommunikationsgestaltung war. Nach acht Jahren folgte schließlich nach der Wahl im Hochschulrat und Senat sowie der Ernennung durch das Land 2015 seine Zeit als Rektor.
Mit seiner mehrfach ausgezeichneten und an renommierten Orten wie dem Gutenberg-Museum oder dem Dortmunder U gezeigten Medienausstellung „Moving Types – Lettern in Bewegung“ feierte Ralf zusammen mit seiner Kollegin Prof. Anja Stöffler, Hochschule Mainz und Dominik Witzke, HfG Masterabsolvent, auch international Erfolge. Symposien in Warschau, Mainz, Dublin und Wellington sowie umfangreiche Publikationen im Themenkomplex von Schrift im Bewegtbild in den Jahren 2010 bis 2021 begleiteten seine Ausstellungstätigkeit.

Was waren Ralfs schönste und schwierigste Erlebnisse an der HfG?

Die Grundlagen-Vorlesung in den ersten zwei Semestern sei die größte Freude gewesen. Eine andere Perspektive in die Köpfe von jungen Designerinnen geben zu können und zu bemerken, wie sich nach und nach durch die Fokussierung auf Details, also das genaue Hinsehen der Blick für das große Ganze verändert.
Das Miterleben der Entfaltung einer riesigen Kreativität, gemeinsam mit dem Erlernen von strukturellen Prozessen hat ihn dabei besonders begeistert. Bis heute erfreut es ihn, mit Studierenden zu arbeiten, die ganz frisch an das Thema Gestaltung kommen und erste Schritte von der bewussten Wahrnehmung zur hochmotivierten Suche nach Erkenntnis in den Gestaltungsgrundlagen mitzuerleben. Er nennt das Ganze: “Das Anlegen von systemischer Gestaltung”.
Schwierig empfand er die großen Semester-Verbünde mit manchmal über 20 Leuten, die oft in Einzelarbeit etwas hektisch wurden. Dabei gab es einige Reibungsverluste.

Später als Rektor

Als das Schwierigste am Rektor-Dasein empfand er die Abstinenz von der Lehre. Er vermisste die Projektarbeit und die Auseinandersetzung mit den Studierenden. Jedoch war es schön, Hochschulstrukturen zu stabilisieren und auszubauen um den Studiengängen gute Entwicklungen zu ermöglichen. Den Studiengang IoT von einer einzigen Professur auf heute vier Professuren, drei Mitarbeiter*innen und gut ausgestattetem Prototyping-Lab zu begleiten war kein leichter, aber ein lohnenswerter Weg. Die Akkreditierung aller fünf Studiengänge bis 2028 konnte während seiner Amtszeit ohne Auflagen erfolgreich abgeschlossen werden.
Viele Einflüsse von außen, wie Überlegungen, unsere Hochschule mit der Hochschule Aalen zusammenzulegen, stellten Herausforderungen während der Rektorenschaft dar. Die verlässliche und dauerhafte Finanzierung des Studiengangs Interaktionsgestaltung durch den geglückten Abschluss der Hochschulfinanzierungsvereinbarung II sieht er als Meilenstein in der Hochschulgeschichte. Allgemein sieht man, laut ihm, die Verantwortung, die man als Rektor hat, immer deutlich vor Augen. Er sagt, es sei nicht einfach, den Anforderungen der gesamten Gesellschaft gerecht zu werden. Dass das internationale Programm durch Corona so sehr gelitten hatte, schmerzte ihn, jedoch hat die HfG nach wie vor weltweit einen guten Ruf, worauf er sehr stolz ist.

"Es gibt viele Erwartungen und Anforderungen von Studis, deren Eltern, den Mitarbeiter*innen, den Lehrenden, dem Wissenschaftsministerium, der Wirtschaft, der Kultur und der Politik in der Stadt, im Land und weit darüber hinaus."

Vermisst Ralf sein Studentenleben?

Die Probleme, welche man als Student*in hat, treten mit zunehmendem Alter in den Hintergrund. Er freut sich mittlerweile, seine damaligen Probleme etwas belächeln zu können. Zum Beispiel erwähnt er ein unbedingtes Wollen schneller Veränderungen, was nun stärker eingebunden ist in einen Diskurs und dem Wissen um die Vernetzung globaler Problemlagen, er könne mittlerweile schwierige Dinge besser aushalten, was die Welt aber natürlich auch nicht besser macht.
Aktuell kann er schlecht nachempfinden, wie es sich heutzutage im Studium leben lässt. Die Art und Weise, wie er sich als Teil der Gesellschaft sieht hat sich nicht wesentlich verändert, nur sein Selbstbewusstsein sei ein anderes als noch als junger Mensch.

“Das Bewusstsein für sich selbst wird durch viele Wiederholungen geprägt. Aus den Erfahrungen hässlicher oder schöner Situationen und Begegnungen erkennt man Muster im eigenen Verhalten, im Umgang mit anderen Menschen, im eigenen Tun und den eigenen Gefühlen. Der Blick auf das eigene Leben wechselt schneller mal von einem Ausschnitt zu einer Totalen. Mit diesem Überblick lassen sich Erfahrungen besser einordnen, auch die, die man lieber kein zweites Mal machen möchte."

In 3 Worten (und ein bisschen): Wer ist Ralf Dringenberg?

In 3 Wörtern zusammengefasst sieht Ralf sich als verbindlich, ansprechbar und optimistisch.
Dies führt er aber weiter aus und beschreibt seine Ansprechbarkeit als Verbindlichkeit gegenüber seiner Berufung zum Rektor. Wenn er diese Stelle übernimmt, dann ist er das auch sieben Tage die Woche auch außerhalb der Hochschule.
Optimistisch ist er eigentlich doch nicht, so führt er weiter fort, er ist der Meinung, dass nur optimistisch sein kann, wer sich noch nicht ausreichend informiert hat. Er sei positiv realistisch, freut sich über das Lebens, ist gerne unter Menschen und hat immer wieder Hoffnung. Aber eher Realist.
Des Weiteren lässt er in die Politik einblicken, man muss sein Gesicht zeigen. Man muss seinen Standpunkt vertreten, auch da, wo niemand damit rechnet. Auch mal nur dabei sein, um dabei zu sein. Das gehört zur Community und erweitert das Netzwerk. Wenn es nichts wird, dann ist das halt so. Vieles ist mit Geduld verbunden. Daher immer wieder Präsenz zeigen!

Ralf in seiner Freizeit

In seiner Freizeit fährt er liebend gerne Rad. Genauer gesagt, ein E-Mountainbike, damit fährt er gemäßigte Touren und auch lange Strecken.
Außerdem hat er noch genügend Interesse an Arbeiten rund um sein Haus, ob Drainage, Dach oder die Stromleitungen seines rund 70 Jahre alten Hauses. Es gibt immer etwas zu tun.
Genuss darf allerdings auch nicht zu kurz kommen. Er beschäftigt sich gerne mit Rotwein, nicht als Passion, aber er ist gerne gesellig.

“Allein sein in der Natur. Nach fünf Minuten kommt der Flow, in dem man nicht mehr über das Gespräch aus dem Senat von gestern nachdenkt, sondern einfach nur noch unterwegs ist.”

Work Life Balance

Während seiner Rektorenzeit neigte sich die Work-Life-Balance eher auf die Seite der Arbeit, anstatt eine richtige Balance zu sein. Die Arbeit nimmt Ralf nicht immer mit nach Hause, aber er hat schon des Öfteren nicht alles unter der Woche geschafft, dann fährt er eben am Wochenende nochmal in die Hochschule und arbeitet zum Beispiel an Präsentationen für die Hochschule.
Mit seinem Fahrrad fährt er jedoch meist nicht zur Hochschule, da er häufig auch Termine außerhalb hat, bei denen ein Auto von Nöten ist.

Die Personifizierung der HfG in den Augen von Ralf Dringenberg

Die Person der HfG sieht Ralf als sehr schüchtern an, sie sei unterdrückt durch die selbst auferlegte Vorstellung, wie gut das Ergebnis ist, das man nach außen hin zeigt. Es ist fast schon eine Angst, etwas zu zeigen, was dem Bild der HfG eventuell entgegensteht. Wie eine schwebende Überkontrolle, was vielleicht politisch gesellschaftlich korrekt sein mag und was nicht. Das begrenzt manchmal die Entwicklung.

“Die HfG besitzt eine vorsichtige Schwere.”

Wo werden Ralfs Wege nun noch hinführen?

Ralf ist sich sicher, er möchte wieder in die Lehre. Nicht unbedingt bei uns im Haus, aber auszuschließen ist das auch nicht. Seine Wege sind noch ungewiss, aber noch lange nicht nahe am Ruhestand.

Was würdest du uns jungen Designer*innen mit auf den Weg geben wollen?

“Ihr müsst eure Neugierde professionalisieren, nicht naseweiß sein, sondern neugierig bleiben, auch für die Dinge, die vielleicht schon geklärt sind! Hört anderen zu und kämpft gegen Respektlosigkeit gegenüber anders Denkenden. Das ist aktuell das schwierigste in unserer Gesellschaft.”

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Wir, die format+ möchten im Namen der gesamten Studierendenschaft Danke sagen! Danke für die vielen Jahre als Rektor unserer geliebten Hochschule. Danke, dass du für uns da warst und es so lange mit uns ausgehalten hast. Alles Gute auf deinen Wegen, Ralf!

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Ich bin Jannis Schuler

Jannis Schuler

Name: Jannis Schuler

Alter: 27

Wohnort: Schwäbisch Gmünd

Beruf: Digital Product Designer & Developer

Hauptcharakterzug: Durstig nach mehr

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