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Studi-Kolumne

Prokrastination – Morgen ist auch noch ein Tag!

Warum drücken wir uns so gerne vor wichtigen Aufgaben? Und was können wir dagegen tun?
Illustration einer Frau, die vor einem Computer sitzt und unmotiviert ihren Kopf auf ihrer Hand abstützt
Illustration von verschieden farbigen Sticky-Notes auf denen Begriffe stehen, die den Prokrastinationsprozess bschreiben

Es sind nur noch wenige Stunden bis zur Deadline und plötzlich schlägt das Panikmonster in uns Alarm. Wie konnte nur die Zeit so schnell vergehen? Es waren doch drei Wochen Zeit bis zur Abgabe!? – Ein klarer Fall von Prokrastination. Doch was ist das eigentlich und warum drücken wir uns so gerne vor wichtigen Aufgaben?

Es ist früher Vormittag, Holzspäne fliegen, der Schweiß läuft mir das Gesicht hinunter. Die Hände schmerzen nach den drei Tagen, die ich meine neu ergatterte Kommode nun schon abschleife. Meine Nachbarin läuft vorbei und sagt: „Ha, du bisch abr fleißig am Schaffa!“ Ich freue mich über das Kompliment und gleichzeitig schleicht sich ein negativer Gedanke in mein Gewissen: Ich sollte jetzt nicht diese alte Kommode restaurieren. In zehn Tagen muss ich meinen ersten Artikel für die format+ abliefern und ich habe noch kein einziges Wort geschrieben, geschweige denn ein Thema festgelegt. Bereits Ende letzten Jahres wollte ich bei format+ mitwirken und Teil des neuen Onlinemagazins werden. Ich hatte nachgefragt, welche Aufgaben das Team bearbeitet und mir ausgemalt, wie ich einige davon übernehme. Dann kam Weihnachten dazwischen. Und dann ging es auf das Ende des Semesters mit all den noch fertigzustellenden Projekten zu. Einen Artikel verfassen? Eine Bilderstrecke erstellen? Dafür habe ich jetzt wirklich keine Zeit! Doch ich hatte mich bereits bei der Redaktion gemeldet und jetzt waren alle auf meinen Artikel gespannt.

Als ich die Kommode abschliff, mit Öl einstrich und leimte, tat ich wieder einmal das, was viele Studierende tun: Ich schob eine wichtige Aufgabe auf. Den Beginn einer Aufgabe unnötig zu vertagen, wird als Prokrastination bezeichnet. Vor allem Personen mit überwiegend selbstbestimmter Arbeit sind davon betroffen. Darunter fallen beispielsweise Journalisten, Lehrer, Anwälte und wir, die Studierenden. Laut einer Studie der Universität Münster leidet jeder zehnte Studierende so sehr unter dem Prokrastinieren, dass er oder sie den Universitätsalltag nicht mehr geregelt bekommt.

An dieser Stelle ist die Abgrenzung zwischen Prokrastination und dem alltäglichen Trödeln, das viele Menschen kennen, wichtig. Während das Aufschieben ungeliebter Aufgaben oder die Verschiebung aufgrund der Prioritätensetzung rund 95% von uns gelegentlich und in gemäßigter Weise tun, gilt Prokrastination als pathologische Arbeitsstörung. Menschen, die unter diesem Problem der Selbststeuerung leiden, erledigen Aufgaben trotz Gelegenheiten und ihren Fähigkeiten nicht beziehungsweise erst nach sehr langer Zeit und oft zu spät. Durch dieses extreme Aufschieben machen sie sich viel mehr Stress, als eigentlich nötig wäre und der Leidensdruck steigt. Neben Leistungseinbußen, Schuldgefühlen und Unzufriedenheit kann das Aufschiebeverhalten auch das physische Wohlbefinden beeinflussen oder schwerwiegende berufliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Laut einer Studie der Universität Münster leidet jeder zehnte Studierende so sehr unter dem Prokrastinieren, dass er oder sie den Universitätsalltag nicht mehr geregelt bekommt.

Wenn das Prokrastinieren so schlecht für uns ist, wieso tun wir es dann?

Oftmals entscheiden wir uns aufgrund unserer aktuellen Stimmung oder den Auswirkungen der Aufgabe auf unsere Stimmung, ebendiese nicht sofort zu erledigen. Stattdessen putzen wir die WG auf Hochglanz, sortieren all unsere Fotos auf dem Smartphone in überschaubare Ordner und misten unseren Kleiderschrank zum vierten Mal in diesem Frühling aus, bevor wir Stunden damit verbringen, süße Katzenvideos anzuschauen. Dass wir beispielsweise das Anfertigen unserer Abschlussarbeit hinauszögern, kann auch an der scheinbar unendlich großen Aufgabe liegen. Das Ziel liegt subjektiv zu weit entfernt und wir suchen nach kleineren Erfolgen und sichtbaren Ergebnissen. Schließlich freuen sich alle Mitbewohner, wenn der Müll endlich draußen vor sich hin gammelt und die Lebensmittel fein säuberlich beschriftet, nach Mindesthaltbarkeitsdatum sortiert, in den Schränken stehen. Dass es sich bei diesem Verhalten um einen schief gelaufenen Bewältigungsprozess handelt, ahnen wir nicht. Um uns gut zu fühlen neigen wir Menschen eher dazu, aufzugeben anstatt durchzuhalten. Die kurzfristigen Belohnungen werden höher eingestuft als langfristiger Erfolg.

Um uns gut zu fühlen neigen wir Menschen eher dazu, aufzugeben anstatt durchzuhalten.

I’m a procrastinator and I’m proud of it.

Doch nicht alle Prokrastinierer sind gleich. Grundsätzlich kann zwischen zwei Gruppen von chronischen Prokrastinierern unterschieden werden. Der sogenannte Erregungsaufschieber (engl. arousal proctrastinator) sieht das Aufschieben wichtiger Aufgaben als erwünschte Strategiemaßnahme und genießt den Kick, erst am Abend vor der Abgabe mit dem Coden des Projektes anzufangen. Da sie die Deadline meistens einhalten, sehen sie keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern. Während diese Erregungsaufschieber Memes auf Internetseiten mit dem Titel „I’m a procrastinator and I’m proud of it“ feiern, macht die zweite Gruppe der Vermeidungsaufschieber ihren Selbstwert von vollendeten Leistungen abhängig. Sie sind Meister der Ausreden und meiden selbstwertbedrohliche Situationen wo es nur geht, da sie Angst davor haben, zu versagen. So sind sie auf allen Partys kurz vor den Präsentationen dabei und berichten lauthals davon, wie sie in den letzten beiden Tagen nochmals alle Staffeln von Haus des Geldes angeschaut haben. Wenn dann die Abschlusspräsentation zum Desaster wird, rechtfertigen sie es damit, dass es an der mangelnden Vorbereitung und nicht an ihren Fähigkeiten lag.

Sie sind Meister der Ausreden und meiden selbstwertbedrohliche Situationen wo es nur geht, da sie Angst davor haben, zu versagen.

Was tun, wenn das Verlangen, die Stories auf Instagram zu checken und sich über die erste Milka-Kuh namens Adelheid zu informieren, überhand nimmt?

Unzählige Ratgeber versprechen Hilfe, die Aufschieberitis zu bewältigen. Mal sind es 50 Tipps, mal wurden sie auf die drei wichtigsten Regeln heruntergebrochen. Bevor ein pathologischer Prokrastinierer Ratschläge, wie das Zerlegen einer großen Aufgabe in kleine, überschaubare Häppchen oder das Beginnen mit der unangenehmsten Aufgabe, befolgen kann, muss er die Kontrolle über sich selbst erlangen. Da Prokrastination noch nicht in gängigen Klassifikationen für psychische Störungen gelistet ist, gibt es bisher kaum systematisch evaluierte Behandlungsansätze, die Betroffenen Abhilfe verschaffen.

Da die meisten von uns vermutlich nicht unter Prokrastination leiden, sondern lediglich vor sich hin trödeln, hier ein paar abschließende Worte: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!

5min vor Schluss ist der Artikel doch noch fertig geworden :)

Ich bin Katharina Payr

Katha

Name: Katharina Payr

Alter: 24

Wohnort: Kernen im Remstal

Beruf: Studentin

Hauptcharakterzug: Scharfsinnig

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Lieblingsfarbe: Grün

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